[Rezension] Takis Würger – Stella

Berlin im Jahr 1942. Eine Geschichte über Angst und Hoffnung – und über die Entscheidung, sich selbst zu verraten oder seine Liebe. Eine Geschichte, die auf wahren Begebenheiten beruht.

Ein junger Schweizer aus gutem Haus kommt im vierten Kriegsjahr nach Berlin. Friedrich will Zeichnen lernen, die Stadt erleben. Bei seinem ersten Kurs soll er ein Mädchen malen, bringt aber keinen Strich zu Papier. Später lernt er Kristin näher kennen, verliebt sich und bleibt. Sie streifen durch die Berliner Nächte, feiern ausgelassen, lernen zwielichtige und auch gute Menschen kennen. Irgendwann verschwindet Kristin. Als sie nach über einer Woche wieder auftaucht, hat sich alles geändert. Kristin ist Stella, eine jüdische junge Frau, die unter Folter und Misshandlung eingewilligt hat, untergetauchte Juden zu finden, damit ihre Eltern nicht deportiert werden.

Ohne die derzeit stattfindenden Diskussionen um das Buch zu kennen, habe ich mich darauf eingelassen. Immer wieder stellte ich mir beim Hören die Frage, wie man sich wohl verhalten würde, wenn einem etwas ähnliches wiederfahren würde. Oder ob Menschen die Situation um sie herum nicht wahrhaben wollten, stattdessen Feste feierten und sich mit Alkohol und Drogen betäubten. Friedrich kam mir zu oft viel zu naiv vor, auch das wiederholte Aufsuchen des gemeinsamen Bekannten Tristan, der Kristin offenbar verraten hatte, konnte ich nicht richtig nachvollziehen. Bei der fiktiven(?) Figur fehlte mir einfach das Kritische, Misstrauische. Kristin/ Stella war mir oft zu gleichgültig, was ihre Taten als „Greiferin“ nur noch schlimmer macht. Ich vermute, es ging irgendwann nicht mehr um ihre Eltern, sondern nur ihr eigenes Überleben. Ich habe auch einige Kapitel gebraucht bis ich begriff, dass die verlesenen Auszüge aus den Protokollen Zeugenaussagen aus den Prozessen gegen Stella waren. Erst im Epilog wird aufgeklärt, dass es sich bei Stella um eine reale Person handelt.

„Stella“ setzt sich auf seine Art mit dem Holocaust auseinander. Wer das jedoch eindringlicher und kritischer haben möchte, sollte ein entsprechendes Sachbuch dazu lesen. Ich denke, das ist kein Anspruch, den Takis Würger hier erhebt.

Takis Würger, „Stella“, erschienen im Carl Hanser Verlag 2019; Audio-CD von Random House Media

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