Meine 15 Cent

Ich halte mich in den sozialen Medien mit politischen Äußerungen weitestgehend zurück. Das bedeutet nicht, dass ich keine politische Meinung habe, im Gegenteil. Wie schnell Meinungsäußerungen entgleisen können habe ich oft genug bei Freunden und Bekannten gesehen, darauf habe ich keine Lust. Zu schnell wird zuviel missverstanden, Erklärungen zu schreiben ist schwieriger als sich zusammenzusetzen und zu reden (was schon aus vielen Gründen nicht geht), Dinge mündlich zu klären anstatt schriftlich.

Ich beobachte seit Wochen mit gehobenen Augenbrauen, was in Dresden passiert. Ich hatte gehofft, dass sich „Pegida“ irgendwann totläuft, genauso wie vor einigen Jahren die Montagsdemos gegen Hartz IV. Leider ist das Gegenteil eingetreten, von Woche zu Woche rennen mehr Leute diesen Blendern hinterher, die mit „Überfremdung“ und „Islamisierung“ ködern. Interessant zu beobachten ist dabei, wie sehr die Zahlen der Teilnehmer differieren zwischen den Meldungen der anwesenden Presse und den später nachgelieferten Zahlen der Polizei. Auch interessant – und das ist ein Fakt: sehr viele der Pegida-Mitläufer kommen aus anderen Städten, Bundesländern nach Dresden, um ihre Flagge zu zeigen. Ich weiß nicht,  wie viele Dresdner auf Seiten der Pegida mitlaufen, aber sie sind vermutlich nicht in der Überzahl. Sie alle haben aber eins gemeinsam: sie werfen ein schlechtes Licht auf die Stadt und die Menschen, die in ihr leben und arbeiten.

Mehr als alles ärgert mich die Sippenhaft, in die man als Dresdner inzwischen genommen wird; Pegida steht nicht für mich, auch nicht für die Stadt, in der ich partiell lebe und arbeite. Ein paar verrückte Köpfe organisieren hier ihre sogenannten Abendspaziergänge und schaffen es, aus der ganzen Bundesrepublik Leute nach Dresden zu bringen. 3.500, 7.000, 12.000, zuletzt sogar 25.000 vermeldete Pegida-Demonstranten. Demgegenüber stehen jeden Montag Proteste, die es – wenn ich mich richtig erinnere – bisher nur einmal geschafft haben, zahlenmäßig über den Pegida-Demonstranten zu liegen, nämlich als der Sternmarsch zum Rathaus stattfand. Wie Teilnehmerzahlen bei Kundgebungen übrigens offiziell ermittelt werden, erläutert anschaulich und knapp zum Beispiel dieser Artikel in der Sächsischen Zeitung, ähnliche Artikel sind bei der Süddeutschen und auf der MDR-Website erschienen. Im Artikel der Süddeutschen Zeitung geht es auch um einen verantwortungsvollen Umgang mit Zahlen, auch darüber kann man mal nachdenken.

Letzte Woche teilte ich den Text von Peter Richter über Dresden, Kästner und Pegida auf Facebook. Richter trifft mit seinem Erlebten und Wahrgenommenen, wie ich mich mit Pegida und auch Nopegida fühle, meinen Ärger, meine Zerrissenheit, aber auch meine Angst, mich dem montags entgegenzustellen. Einer der wichtigsten Sätze bei Richter ist: „Der Skandal ist, dass Pegida auch schuld daran ist, dass Dresden für immer mehr Leute als schuld an Pegida gilt, als Stadt, die immer irgendwie rechts und konservativ war, ist, sein wird, als Stadt, die aus Prinzip immer nur Rechtes und Konservatives hervorbringt und nichts anderes.“ Eben jene Vorwürfe kamen in den Kommentaren aus Hamburg (inzwischen von der Verfasserin gelöscht) und das ist es, was ich mit Sippenhaft meine. Ebenso Fragen, warum wir es nicht schaffen, mehr Leute gegen Pegida auf die Straße zu bringen. Eine Frage beantworten, auf die ich selbst keine Antwort habe? Das kann ich nicht. Einer meiner Freunde war getroffen von den Kommentaren und reagierte deutlicher als ich es tat. Konsequenz: Hamburgerin blockt Dresdner (was ich erst rausfand, als ich ihn anschrieb und fragte, warum er seine Kommentare gelöscht habe). Ich bin auch nicht mit jedem einer Meinung, aber Leute wegen ihrer Meinungen zu blocken finde ich kindisch, unreif. Wenn man Meinung nicht aushält, sollte man sich nicht an Diskussionen beteiligen bzw. eine vom Zaun brechen. Genauso albern war es, im Nachhinein die eigenen Kommentare und Fragen zu löschen, so stehen meine Antworten jetzt eher zusammenhanglos unter dem Beitrag. Nun ja.

Letzten Samstag war ich auf der Kundgebung an der Frauenkirche, bei der, wie wir während der Veranstaltung bereits erfahren haben, wohl 35.000 Menschen waren. Sie verlief ruhig, entspannt, viele Leute waren mit Kindern und/oder Enkeln da. Natürlich gab es in den vorderen Reihen jemanden, der versucht hat, gewisse Redner niederzuschreien. Auch die Schilder mit „Pegida hat Recht“ waren da, aber eher sehr spärlich gesät. Es ging ruhig und friedlich zu, wenig Polizei im Gegensatz zum Aufgebot, das hier jeden Montag vom Büro aus zu beobachten ist.

Montag abend – 25.000 Pegida-Demonstranten. Woher kommt ihr alle, zum Teufel? Als ich gegen halb 7 abends das Bürohaus verließ, begann die Polizei gerade damit, das Areal abzuriegeln. Irgendwann gegen 22 Uhr legte ich das iPad weg und ging schlafen, ich mußte schließlich am nächsten Morgen wieder früh im Büro sein. Dienstag morgen, Frühstücksfernsehen der ARD. Um halb 8 hörte ich zum ersten Mal Zahlen der Demonstrationen in den verschiedenen Städten. Richtig wütend machte mich in etwa folgender Wortlaut bei der Tagesschau: „In Dresden folgten etwa 25.000 dem Aufruf der Pegida. Dem stellten sich gut 30.000 Menschen in Leipzig … gegenüber. … Anti-Pegida-Demonstrationen fanden u.a. auch in München, Hannover, Berlin, Hamburg und Saarbrücken statt.“

Danke, Tagesschau! Bisher habe ich die Öffentlich-rechtlichen immer verteidigt für unabhängige Berichterstattung. Genau so kommt unter anderem die Wahrnehmung auf Dresden zustande. In Dresden demonstriert Pegida, in allen anderen Städten wird dagegen protestiert. Dass in Dresden knapp 9.000 Leute bei der Gegendemo waren – kein Wort. Dass in Leipzig etwa 7.000 für Legida unterwegs waren – kein Wort. Es ist das, was man tendenziöse Berichterstattung nennt, worüber sich die Begleitung aufregt und wir immer wieder mal unterschiedlicher Auffassung waren.

Es kotzt mich an. Zum einen das Bild, das durch genau die oben beschriebene Berichterstattung entsteht, zum anderen die Sippenhaft, in die man dann dafür genommen wird. Das Aufrechnen der Demonstrantenzahlen, wer ist dafür, wer dagegen, meine Stadt ist besser als deine. Es gibt Dinge, die funktionieren interessanterweise nur hier, Pegida gehört leider dazu (was immer noch nicht bedeutet, dass ich sie akzeptiere). Und ich bin es leid, mich für die Stadt zu entschuldigen, wo keine Entschuldigung nötig ist. Kommt her, macht euch selbst ein Bild von Dresden und den Menschen, die hier leben, gebt ihnen bitte diese Chance, anstatt alle und alles über einen Kamm zu scheren!

Eine Antwort auf „Meine 15 Cent“

  1. Ich bin die Hamburgerin, die ihre Kommentare wieder gelöscht hat, weil ich seit Jahren fast täglich regelmässig alle Facebookkommentare und -links, die nicht in Zusammenhang mit e13 oder dem „Hamburg unter sich“-Comic stehen, wieder lösche. Das ist das eine.

    Das andere ist, dass ich deutlich aber höflich meine Fragen formuliert habe, warum in Dresden meiner Wahrnehmung nach so viel schiefläuft und mein persönliches Fazit bekundet habe, dass ich um diese Stadt einen Bogen mache, weil mich insbesondere das grundgesetzfeindliche Gebaren der Polizei und Justiz dort abstösst. Konkrete Beispiele gibt es wohl genügend. Ob sehr fadenscheinige, vielleicht gar gefälschte Beweise und Aussagen von Polizeibeamten (wie im Prozess gegen Lothar König), ob illegale Massenbeschlagnahmen von Smartphones, ob Massenabschnorchelung aller Handies, ob schlampigste Ermittlungen bei Erstochenen Flüchtlingen … Die Dresdner Polizei und Justiz scheint mir auf dem rechten Auge reichlich blind zu sein und das finde ich eklig.

    Ein Kommentator meinte daraufhin, mich persönlich anfeinden zu müssen, statt sich mit der Sachfrage auseinanderzusetzen und weil ich mich nicht dumm anpampen lasse, habe ich ihn geblockt, wie ich das mit allen Leuten mache, die Beleidigungen mit Argumenten verwechseln.

    Dass Pegida zum Grossteil aus Demotouristen besteht, die den Dresdnern (hoffentlich) mehrheitlich peinlich sind, ist mir klar und unbestritten. Als Hamburgerin bzw. Anwohnerin in den üblichen Stadtteilen wird man ja auch in Sippenhaft genommen mit den Krawalltouristen aus z.B. Pinneberg, die jeden ersten Mai die Schanze verwüsten.

    Insofern habe ich mich auch sehr gefreut über die grosse Anti-Pegida Gegendemo der Dresdner, die mir durchaus aufgefallen ist. Ich glaube, ich habe das auch anerkennend auf Twitter verlinkt (bin übrigens mehr auf Twitter als auf Facebook).

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