Bitte erschlagen Sie mich vorher, wenn ich nochmal auf die Idee kommen sollte, unterwöchig eine Lesung in Leipzig besuchen zu wollen, wenn zum einen der nächste Arbeitstag um 7 Uhr beginnt und zum anderen da draußen ein Sche**wetter!!! herrscht. Vielen Dank für Ihre Hilfe. *gähn*

(Trotzdem hat sich der Aufwand gelohnt. Danke, daß ich die Damen und Herren Lesenden kennenlernen und hören konnte. Der ausführliche Text folgt später. Kopf -> Tisch)

Matt Ruff – Ich und die anderen

„Als nächstes ließ ich Tante Sam und Adam je zwei Minuten lang unter die Dusche. Früher hatten sie sich darin abgewechselt, wer zuerst durfte, aber Tante Sam mag das Wasser viel heißer als Adam, und Adam ‚vergaß‘ ständig, die Temperatur zu regulieren, bevor er den Körper abgab, also heißt es jetzt jeden Morgen: erst Tante Sam, dann Adam, dann ich – und Adam weiß ganz genau: wenn er mir Eiswasser oder Seife in den Augen hinterläßt, kann er sich sein Duschprivileg für eine Woche abschminken.“ 

Bereits nach anderthalb Seiten stand ich mit Andy auf der Kanzel, von oben das Treiben der anderen Mitbewohner beobachtend. Am Ende der dritten Seite beschlich mich das dumpfe Gefühl, daß ich die nächste Seele sein werde, die im Haus Einzug hält. Wahrscheinlich bin ich am Ende des Buches sogar selbst schizophren.

Matt Ruff, „Ich und die anderen“ (Set This House in Order) ist eingroßartiges, aber auch verstörendes Lesevergnügen.

Robbie Williams – Rudebox

Das dumpfe Dröhnen in den Kopfhörern beschert mir schon beim ersten Ton eine Gänsehaut, Stehplätze für die Härchen auf meinen Unterarmen. Das Intro ist einfach der Hammer, soweit ich weiss, ist das der Eröffnungssong auf ihrer derzeitigen Tour um die Welt. Der Text ist eine Hymne an mehr als 20 Jahre erfolgreiche, eingängige und vor allem tanzbare elektronische Musik. We’re the Pet Shop Boys.

Dumm nur, wenn der Text von Robbie Williams gesungen wird und Neil Tennant nur für die Backgrounds zuständig ist. Chris Lowe darf die Tasten bedienen (was er ja immer tut), denn der Song ist Bestandteil von Williams‘ letzter Scheibe ‚Rudebox‘ und die Boys nur die Agonisten im Hintergrund. Überhaupt – was hat der Typ sich bei diesem Ding gedacht?

Seine letzte Tour im vergangenen Jahr hatte im Spätsommer gerade angefangen, da offerierten die Labels schon die neue Scheibe für den Herbst. Einige Stücke wie ‚Summertime‘ klingen unfertig, bei einigen habe ich den Eindruck, sie dienen als Füllmaterial für die CD. Er recycelt ‚Bongo Bong and Je ne t’aime plus‘ eher schlecht, zu schnell und eher lustlos interpretiert (ich will nicht ‚hingerotzt‘ schreiben, aber das beschreibt es sehr treffend). ‚She’s Madonna‘ ist nicht wirklich die nächste hörenswerte Auskopplung und der Titelsong beweist leider, daß er als Rapper/ HipHopper/ Whatever auf keinen Fall taugt. Robbie, bleib bitte, bitte bei Deinem Stil oder entscheide Dich wenigstens mal für einen.

Ohrwürmchen sind ‚Lovelight‘ und mein persönlicher Knaller ist ‚The Actor‘, bei dem mir Marsha Thomasons rauchige Erzählstimme aus dem Hintergrund die Haare zu Berge stehen läßt. Und zur ‚Collaboration‘ mit den Pet Shop Boys hatte ich ja schon oben geschrieben. Außerdem – wer Geduld hat, findet das Teil, interpretiert von den Helden persönlich, in der Jukebox auf der Seite der Pet Shop Boys, denn es ist bisher auf keiner Scheibe veröffentlicht worden. Um Welten besser und – sie sind nun mal die Pet Shop Boys und nicht Mr. Williams.

Es gibt Tage im Leben, da möchte man nur noch schreiend den Kopf schütteln, bis vorn und die Rückseiten zu einer kruden Masse verschmieren.

In einem Bilderthread lese ich Gemeinheiten über mich, die mir nicht gefallen, weil ich die Person nicht mal annähernd kenne und sie sich kein Urteil über mich erlauben sollte, bevor nicht wenigstens zwei Sätze von Angesicht zu Angesicht gewechselt wurden. Alles, was sie über mich weiss, ist Hörensagen, kein bisschen mehr. Sie versucht sich in kompletten Missdeutungen von mir geschriebener Sätze, ohne Hintergründe zu kennen. Es macht mich zornig, ihre garstigen und höhnischen Ergüsse zu lesen, und mein Unmut äussert sich in meinen Erwiderungen. Ich habe irgendwann aufgehört, auf ihr Geschreibe zu antworten, weil ich an einem Punkt erkennen kann, wann eine Sackgasse erreicht ist. Sie kann das offenbar nicht. Gerade habe ich drei Wochen alte Einträge gefunden, alle in einem anderen Bilderthread. Wer sogenannte Freunde hat, braucht eben keine Feinde.

Vermutlich liegen diese Dinge begründet in Sachen, die Monate zurückliegen. Gelöschte Kommentare in (m)einem Blog, die entsprechenden Diskussionen darüber und das Nichtbegreifen von Bloggern, wenn man sein „Hausrecht“ ausübt. Sie nehmen es für sich in Anspruch, aber wehe, wenn ihr Kram irgendwo anders entfernt wird. Besagte Person war da noch lange nicht in Sicht. Und trotzdem führt sie sich auf, als wäre sie dabeigewesen.

Ich weiss genau, warum ich einer Gruppe Leute für einige Zeit aus dem Weg gegangen bin – ganz genau deshalb. Vielleicht war es ein Fehler, vielleicht hätte ich doch mehr Präsenz zeigen sollen. Aber ich begebe mich mit knapp 34 nicht auf das Niveau von Mittvierzigern herunter, die sich wie 12-jährige aufführen. Ich lese Bemerkungen zum Link zu meinem ehemaligen Blog, bei denen ich nur den Kopf schütteln kann über soviel Flachwichsertum, als wäre man der einzig „Privilegierte“, der ausgesperrt wurde. „Bäääh, ich darf da nicht mehr rein, alle anderen haben ein Passwort, bloss ich nicht!“ Ich kann das Geplärre förmlich hören. Ja, Du Hirni, Du hast eben keinen Zugang, genausowenig wie Tausende andere Leser. Na und? Das Blog ist offline, finde Dich damit ab.

„Du bist mein Freund, weil Du jeden Scheiss mitmachst“, „Die hat wieder einen Mist erzählt heute, das glaubst Du nicht…“, undsoweiter undsoweiter. So ähnlich kann ich mir Gedanken, Mails, Telefonate vorstellen, schliesslich kenne ich viele dieser „Gruppe seit über einem Jahr. Doch genau das ist nicht meine Welt.

Ach, ich glaube, ich lasse sie einfach weiter ihr kleingeistiges Leben für sich haben, denn das können sie gern behalten.

Auf Fototour

Eigentlich sollte ich darüber nichts schreiben, denn was ich heute angestellt habe, ist grenzwertig und bewegte sich für über eine Stunde jenseits der Legalität.

Meine erste fotografische Tour durch ein Abrisshaus liegt hinter mir. Aufregend, spannend, faszinierend und wehmütig, weil ich mich mit zwei anderen in dem Haus herumgetrieben habe, von dem ich in meinem letzten Beitrag geschrieben habe. Berge von Schutt, Relikte, lose Kabel, riesige Wasserpfützen und abgebaute Rolltreppen.

Wir haben die Baustelle durch einen ungesicherten Zaun betreten (böse, böse Abrissfirma!) und uns vorsichtig durch die Etagen bewegt. Nach knapp 10 Minuten konnten wir feststellen, daß wir nicht die einzigen Faszinierten waren, denn im Erdgeschoss kam uns schnellen Schrittes ein junger Mann entgegen, Rucksack und Stativ auf den Rücken geschnallt. Er sagte uns, daß man bis auf das Dach hinaus könne und wir sollten uns nicht erschrecken, sein Kollege sei noch oben unterwegs. Den trafen wir einige Zeit später dann auch – in der Küche des ehemaligen Restaurants.

Ich bin mir noch nicht sicher, wann und wo ich Bilder aus dem Inneren veröffentliche. Wahrscheinlich, wenn das neue Gebäude fertig ist oder so. Auf jeden Fall gibt es ein Fazit – beklemmend war allein die Tatsache, daß dieses Gebäude jetzt tatsächlich verschwindet.

Abriss altes Centrum-Warenhaus

Stahl kreischt auf Stahl, als die Zange des Abrissbaggers zum wiederholten Mal nach den Stäben im Beton greift und daran zieht. Motoren heulen, Wolken dichten Staubs ziehen über die Einkaufsstraße, es stinkt nach Asbest. Immer wieder bleiben Passanten am Bauzaun stehen, einige klettern auf Sitzbänke, die sie vorher in film- und fotostrategisch günstige Positionen gezerrt haben. Der Abriss des alten Centrum-Warenhauses ist ein Spektakel.

Stück für Stück fressen sich die Bagger in die Fassade, nichts soll bleiben, wenig erinnern. Nur ein kleiner Teil der alten Aluminiumverkleidung wurde abgebaut, damit er beim Neubau als Bruchstück wieder auferstehen kann. Der Rest, der diesen Bau geprägt und ihm seine Einzigartigkeit verliehen hat, liegt in großen Bergen als Schrott über den Abrißplatz verteilt. Man sieht den Waben schmerzhaft an, wie und womit sie aus ihren Verankerungen und Befestigungen gerissen wurden.

Neubauen um jeden Preis heisst es in dieser Stadt. Dabei orientiert man sich zu gern an der Bebauung, die vor der kompletten Zerstörung der Innenstadt das Bild geprägt hat. Zwischen Damals und Jetzt liegen mehr als 60 Jahre, die diese Stadt verändert und ihr ein eigenes Bild ihrer Zeit verliehen haben. Alles nicht wahr, es soll nie dagewesen sein.

Diejenigen, die Bau, Eröffnung und Einkaufen in diesem Haus erlebt haben, erinnern sich grösstenteils gern. Es war ein markanter Punkt in der Innenstadt, zu dem man Gäste führte und der bestaunt wurde, dessen Metallfelder in der Sonne gleissten.

Ein Stück DDR-Architektur verschwindet für immer und macht einem neuen Konsumtempel Platz, der in Kürze an dieser Stelle entstehen wird. Größer, kaufrauschfördernd, mit benachbarten Einkaufsgalerien konkurrierend. Welche Zielgruppe damit erreicht werden soll, erschliesst sich mir nicht.  Soviel Geld kann nicht mal ich verdienen, um es in all den Einkaufsstraßen, Shoppingmalls und -parks ausgeben zu können.

Schade um ein weiteres Stück auch meiner Geschichte, das auf alle Zeiten dahingehen wird.

Sicherheitslücken

Sie waren zu zweit, eigentlich unscheinbare Gestalten mit gewöhnlichen Gesichtern, gekleidet wie seriöse Geschäftsleute. Beide trugen dunkle Anzüge, schwarze Jacken, einer von ihnen hatte eine Laptoptasche über die Schulter gehängt.

Zwei Stockwerke unter meinem Büro stahlen sie einen Beamer, der, verkabelt und fest montiert, an der Decke eines Besprechungszimmers hing, in dem eine knappe Stunde vorher ein Meeting mit ca. 40 Leuten zu Ende gegangen war. Dann machten sie sich durch das ungesicherte Treppenhaus auf den Weg nach oben, auf der Suche nach weiterer leichter Beute. Sie hebelten in Sekundenschnelle eine Zutrittstür auf, die nur mit ID-Karten von berechtigten Personen geöffnet werden kann, und befanden sich damit in einem eigentlich gesicherten Bereich. Zum Glück wurden sie überrascht und traten augenblicklich den Rückzug an.

Warum ich sie beschreiben kann? Sie haben eine Überwachungskamera übersehen, die in das Treppenhaus hineinsieht. Sie liefen wenigstens fünf Minuten zwischen den gesicherten Türen hin und her, schauten in die Gänge und gaben gute Bilder für die Ermittlungsbehörden ab. Als einer meiner Kollegen das Treppenhaus betrat, traten sie den Rückzug an und verschwanden nach unten.

Zurück bleibt ein mulmiges Gefühl in der Magengegend und die Erkenntnis, dass wahrscheinlich jedes Sicherheitssystem mit Brachialgewalt überwunden werden kann. Der menschliche Faktor, der den beiden den Weg bereitete, weil man sie im Fahrstuhl mitgenommen hat, ist ein Punkt, an dem sich die besten Konzepte immer wieder die Zähne ausbeißen werden.